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Säen und Ernten- auch in der Natur

„Im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt. Er setzt seine Felder und Wiesen in Stand. Er pflüget den Boden, er egget und sät - und rührt seine Hände früh morgens und spät“. So heisst es in der Orginalfassung des Liedes von Josef Pommers (1845-1919) und ist dem Monat März gewidmet.



Heute sind der Pferde Pferdestärken durch motorisierte PS Pferdestärken ersetzt worden und auch das Getreide wird mittlerweile mit nicht mehr von Hand gesät, sondern durch hochsensible und präzise Maschinen ausgebracht.

Hand und Hacke, heisses Eisen wie es so schön heißt, sind längst verschwunden und durch moderne, mechanische Hackmaschinen ersetzt worden. Mit Hilfe von Sonnenenergie und hochtechnisierten, infrarot gesteuerten Hackaggregaten schleichen sie über den Acker. Sind erst einmal die Koordinaten einprogrammiert, wird der Roboter sich selbst überlassen. Eine Hilfe, die keine Forderungen stellt und auch bei Regen arbeiten würde, ganz ohne Widerworte, aber bei Regen scheint meist keine Sonne.


In der Erntezeit müht sich niemand mehr mit der Sense auf dem Getreidefeld. Es brauchen auch keine Gaben mehr aufgestellt zu werden, es sein denn man befindet sich auf einer Schauveranstaltung eines historischen Dorfes. Heute werden die Felder mit Mähdreschern abgeerntet. In atemberaubender Geschwindigkeit fressen sie das auf dem Halm stehende, reife Getreide in sich rein. Ist der Bunker voll, wird dieser während der Fahrt entleert. In der Erntezeit lautet die Devise: time is cash- time is money, egal was geerntet wird.


Doch wie sieht es in der Natur aus? In der Natur geht es etwas beschaulicher zu. Kein Zeit- und/oder Termindruck. Da braucht`s keinen modernen Maschinenpark. Die Natur hat ihre eigene Zeituhr. Von Spätsommer bis Herbst reifen die Samen und Früchte. Oft verbleiben sie lange in den Samenständen auf dem Halm oder am Baum, bis ihre Erntezeit gekommen ist. Nach ihrer Ernte, ob nun durch den Wind oder durch Vögel, bleiben lange vertrocknete Halme und leere Äste zurück. An ihnen sind oft nur noch die leeren Samenstände zu erkennen. Manche Samen durchlaufen eine Keimruhe, andere wiederum benötigen einen Frostreiz oder müssen den Vogelmagen durchwandern um keimen zu können. Die langen Halme bieten vielen Insekten Unterschlupf und Überwinterungsmöglichkeiten. Die Halme erfahren quasi keine Ernte. Sie kippen irgendwann durch den Einfluß von Regen, Wind, Sonne und Frost um. Die Natur ernährt und vermehrt sich so, ohne großen Aufwand zu betreiben, so scheint es. Man könnte fast meinen sie lebt im Energiesparmodus, was man von der Erntezeit in der modernen Landwirschaft nicht sagen kann.


Im Frühjahr keimen die Samen dann oft weit entfernt vom Ursprungsort. Um Problemkräutern Einhalt zu gebieten, muß allerdings auch in der Natur hier und da mit moderner Technik nachgeholfen werden, wenn die Fressfeinde eines Problemkrautes nicht „hinterherkommen“. Etwa auf Brachflächen- und/oder Naturschutzwiesen. Hier darf erst ab einem bestimmten Zeitpunkt gemäht werden, um die heimische Fauna und Flora so lange wie möglich ungestört zu lassen.


Ist der Druck durch ein Problemkraut jedoch so hoch, muss zeitig, vor Samenflug, gemäht oder gemulcht werden. Speziell in diesem Fall geht es um das Jakobskreuzkraut, das sich durch Samenflug mit dem Wind verbreitet. Besonders häufig ist es auf extensiv bewirtschafteten Flächen anzutreffen. Von dort aus breitet es sich in Windeseile aus. Da solche extensiv bewirtschafteten Flächen oft an landwirtschaftlich genutzte Wirtschaftsflächen angrenzen, sollten mit Jakobskreuzkraut besiedelte Flächen im Spätsommer gemäht und/ oder gemulcht werden.


Mit Blick auf die Natur und um das Wissen, wie wichtig solche Flächen für Insekten und die übrige Fauna sind, haben wir uns in diesem Jahr trotzdem dazu entschlossen, zwei Flächen mit besonders hohem Jakobskreuzkrautbestand Mitte August zu mulchen.


Nun stellt sich der Ein oder Andere sicherlich die Frage, warum mulchen und nicht mähen? Mähen ist doch schonender für den gesamten Bestand und das Insektenvorkommen darin.


Das ist richtig. Richtig wäre es gewesen, den Bestand zu mähen und die Mahd abzutransportieren. Doch wohin mit der Mahd? Nachfragen bei diversen Betreibenden von Biogasanlagen haben ergeben, dass Grasschnitt nicht geeignet ist für die Förderschnecken der Anlagen und dass das Gras die Förderschnecken zusetzt, da es nicht gut von ihnen transportiert werden kann. Wegen des hohen Anteils an Jakobskreuzkraut kann die Mahd auch nicht ruhigen Gewissens an Tierhaltende abgeben werden, wegen der Vergiftungsgefahr für die Tiere. Es blieb also nur die Variante Mulchen für uns. Um den Insekten und der restlichen Fauna trotzdem ein Rückzugsgebiet zu geben, ist auf beiden Flächen ein Streifen unberührt geblieben.


Naturschutz auf Naturschutzflächen zu betreiben ist oft eine Gradwanderung, die eine Entscheidung für eine Maßnahme nicht immer leichtmacht. Ob es dann die richtige Entscheidung war, stellt sich spätestens zwei Tage später heraus, wenn die ersten Anrufe eingehen und besorgte Bürger nachfragen. Das ist auch gut so. Sachliche Erklärungen bringen dann Licht ins Dunkel.


Naturschutz bedeutet auch, dass man sich das ein oder andere Mal gegen die Natur entscheiden muß, um Natur zu erhalten oder an anderer Stelle neu entstehen zu lassen. Diese beiden, von uns gemulchten, Flächen bis zum Spätherbst oder gar bis März des Folgejahres sich selbst zu überlassen, wäre aus unserer Sicht falsch gewesen.

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